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Eröffnungsrede: Georg Graf von Matuschka

Petra Naumann
Natürlich – Künstlich“ Galerie Pinder Park

Zeichnung – Objekt – Fotografie

Vernissage 17.10.2008 –19:00 Uhr, Ausstellungsdauer 17.10. – 13.12.2008;

Kunstverein Zirndorf, Pinder Park 7, 90513 Zirndorf

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrte Kunstfreunde,

diejenigen unter Ihnen, die zuweilen auf eine Ausstellungseröffnung gehen, wissen, dass die Redner, die zu den Arbeiten der Künstler sprechen, es nicht immer leicht haben. Sie müssen gewisser Maßen einen sprachlichen Spagat ausüben: Einerseits soll die Rede gehaltvoll, kompetent und nicht zu philosophisch verstiegen sein, sie soll in verständlichen Worten das Charakteristikum der künstlerischen Arbeit vorstellen und darf aber vor allem eines nicht: sie darf nicht zu lang oder zu elaboriert sein.

Vorab wurde mir signalisiert, dass meine Rede nicht länger als fünf Minuten sein soll. Ich werde mich zwar kurz fassen, aber ob ich dies Ziel ganz erreiche, kann ich nicht versprechen, denn es gibt doch einige wichtige Dinge zu sagen.

Ich werde versuchen, die Kürze der Zeit zu nutzen, um die markantesten Merkmale der künstlerischen Arbeit von Petra Naumann heraus zu arbeiten und Ihnen meine Gedanken darüber vorstellen. Es wäre schön, wenn wir anschließend in einen Dialog darüber eintreten würden.

Doch zunächst begrüße ich die anwesende Künstlerin Petra Naumann ganz besonders herzlich.

Sie hat diesen Räumen für die Dauer von 8 Wochen mit ihren Werken eine ganz persönliche Note gegeben.

Persönlich zuerst deshalb, weil es eine Einzelausstellung ist, die jedoch aufgrund der vielfältigen von ihr verwendeten Artikulationsmittel den Betrachter zu ständigen Blick- und Perspektivwechseln animiert.
Ihre Zeichnungen, Wandarbeiten, Objekte und Installationen verwandeln diese Räumlichkeit zu einem spannungsvollen Erlebnisraum. Es ist eine Einladung an den Betrachter, sich verschiedenen Dimensionen und Materialsprachen hinzugeben.

Die Flächen des Raums

Petra Naumann greift in die vorfindliche Architektur durch Hängung und Positionierung ihrer Werke ganz entschieden ein. Manche Einzelwerke finden heute in ihrer Kombination des Neben- und Zueinander zu mehrdeutigen Ausdrucksformen. Sie laden den Betrachter sowohl zur intimen Schau wie zur komplexen Betrachtung der Gesamtpräsentation ein. Aus diesen Wechselwirkungen ergeben sich faszinierende Betrachtungsweisen.
Ich danke deshalb der Künstlerin für die Arbeit dieser besonders gelungenen Präsentation.

I. Wirkungskreis


Die Künstlerin Petra Naumann ist in unserer Region keine Unbekannte. Neben ihren Ausstellungen in renommierten Häusern in Nürnberg, Zirndorf und Fürth, erreichten ihre weiteren Stationen eine beachtliche Dimension: Während sie im Inland vornehmlich in süddeutschen Städten ausstellte, reichten ihre Ausstellungen im Ausland bis Paris, Athen und Fonarto/Sao Paulo in Brasilien.

In ihrer großen Retrospektive in München, in den Räumen der Bayern LB, zeigte sie im Jahr 2006 ihr umfassendes Schaffenswerk der letzten 20 Jahre.

Dem gegenüber ist ihre heutige Ausstellung, allein schon wegen der begrenzten Ausstellungsfläche, natürlich kleiner und auf das jüngste Werk eingegrenzt.

Petra Naumann verzichtet in der heutigen Ausstellung ganz auf ihr malerisches Werk.

Zu sehen sind vornehmlich vier Werkgruppen, auf die ich gleich näher eingehen möchte:
1. Maßwerk

2. Astwerk

3. Wandarbeiten – Mischtechnik Pappe - Gips

4. Mischtechnik: Fotografie – Zeichnung - Plexiglas


Anhand der vier Werkgruppen wird offenbar, dass Petra Naumann eine Grenzgängerin zwischen den Formsprachen ist. Das heißt, sie ist nicht festgelegt auf ein künstlerisches Metier: Nicht auf Zeichnung, Malerei, Collage, Bildhauerei, Rauminstallation.

Nein, im Gegenteil, sie mischt auf ihre ganz eigene Weise Zeichnung und Plastik, Farbform-Kompositionen und räumliche Inszenierung.

Ihre künstlerischen Artikulationswege lassen sich nicht in kunsthistorisch begriffliche Schubladen stecken – und das ist erfrischend und avantgardistisch zugleich.

II. Biographisches

Einige, wenige Stationen ihres Lebens seien skizziert.
Aufgewachsen in einem elterlichen Umfeld, in dem Kunst immer eine große Rolle spielte, war schon früh eine Faszination für das Gestalterische bei der Künstlerin gereift. Der malende Vater war Inspirationsquell und brachte eine kreative Atmosphäre in das Elternhaus, welche bei der Aufwachsenden merklich Spuren hinterließ. Auch wenn ihr
„die Malerei“, wie sie selbst sagt, „allein nie genügt hätte“, war durch diese Kindheitserfahrung der Freiraum des Schöpferischen unmittelbar spürbar und erlebbar.

Die Künstlerin, Jahrgang 1950 (geb. in Limbach/Oberfrohna), studierte an der Europäischen Akademie für bildende Kunst in Trier und besuchte die Sommerakademie in Salzburg.

Seit 1986, also seit nunmehr 22 Jahren ist sie freischaffend tätig. Ihr Leben am Rande der Großstadt, nahe der Natur, hat ihren Blick für die Abläufe des Natürlichen unter den wechselnden Jahreszeiten geschärft. Die Natur ist für sie Inspirationsquell und Dialogpartner zugleich. Prof. Hanns Herpich, Textilkünstler und ehem. Präsident der Nürnberger Kunstakademie, unterstrich in einer Charakterisierung die Arbeitsweise von Petra Naumann auf eindrückliche Weise: Das Schaffen von Petra Naumann sei der Natur analog. Der Gestaltungsprinzip der Natur spiegelt sich in ihrer Kunst wieder.

Zitat:

„Wenn Petra Naumann also an den Beginn ihrer künstlerischen Arbeit den bewussten Zerfallsprozess des gebundenen Materials setzt, um danach mit der Arbeit zu beginnen, so ist darin ein analoger Vorgang zu erkennen, der dem Prinzip des permanenten Zerfallens und Werdens in der Natur entspricht.“

Der schöne Ausstellungstitel NATÜRLICH KÜNSTLICH, der der hiesigen Ausstellung überschrieben ist, unterstreicht diese Verwandtschaft im Schöpfungsprinzip.

Als ich Petra Naumann in einem Vorgespräch fragte, ob Sie eine künstlerische Philosophie verfolge, überlegt sie nur einen Moment und antwortet mit einem genauso einfach anmutenden, wie frappierendem Satz, den man als Credo über ihre ganze Kunstproduktion legen könnte:
Sie sagt:
„Die Faszination gilt dem Suchen, Entdecken und Finden.“ Jenes Motto finde ich auch als Vorsatz in Ihrem Katalog.
Vielleicht ist es für einen Künstler immer schwierig Auskunft über das eigene Tun zu geben, aber Petra Naumann hat tatsächlich mit diesem sehr emotionalen Satz ihren künstlerischen Impuls auf recht nachvollziehbare Weise beschrieben.
Das lässt mich übergehen zu ihrer....

III. Werkmethodik

In Petra Naumanns Werkmethodik, dem Suchen und Finden, stecken Elemente wie Offenheit für Neues, Entdeckerfreude, Sensibilität für die Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit von miteinander agierenden Werkstoffen. Entscheidungsfreudigkeit und Flexibilität sind gefragt, wenn überraschende Resultate im Werkprozess neue Formartikulation möglich machen.
Was meiner Ansicht nach bei der Künstlerin als Profession zu Tage tritt, ist der ungestillte Antrieb sich Ungeahntem und Ungeplantem zu stellen.
Dieses
„Atelier- oder nennen wir es „Alltags-Abenteuer, verlangt nach der Kraft auch das Scheitern auszuhalten und mit ihm umgehen zu lernen.
Es schließt ein: Auch den Mut und die Kraft aufzubringen immer wieder neu und von vorne beginnen zu wollen.
Dahinter steckt bei ihr kein äußerer Zwang. Aber wer diese Kompetenz bei der Betrachtung der Arbeiten von Petra Naumann übersieht, sieht vielleicht auch nicht die Geschicke ihrer formalen Ergebnisse und ihrer damit einhergehenden Aussagen.

Der dem Produktionsprozess abgerungene Weg der Formfindung, Formbildung und Überformung steht als ständiges Thema über den Arbeiten.

In dieser geistigen Freiheit und diesem Willen zur Neu-Artikulation des bereits Gefundenen steckt eine ganz individuelle „Kunst-Geschichte“.
Petra Naumanns heute präsentierte Werkvorstellung macht es dem Betrachter etwas leichter das Verkettungsprinzip ihres Schaffensprozesses nachzuerleben.
Denn, wenngleich viele Arbeiten nicht als serielle Arbeite vorgestellt werden, zeigen sie doch einen inneren Zusammenhang. Man könnte auch wenig pathetisch von einer Schöpfungsgeschichte sprechen, die sich in den
Folgearbeiten eines Prototyps bei ihr, unter Ihren Händen, fortentwickelt.

Und damit komme ich zum
 

IV. Werkverständnis

Der Ausstellungstitel „Natürlich – Künstlich“ deutet es in der Vielfalt seiner Sinnhaftigkeit an: Natürlich-Künstlich ist nicht nur als Gegensatz begrifflich zu verstehen. Dort die Natur – hier die Kunst.
Und nicht alles Künstliche ist gleich schon Kunst. Nein, die Schöpfungskräfte der Natur spielen gleichnishaft in die Werkprozesse des Künstlers hinein. So wie es der Bauhausmeister Paul Klee einst sehr schön formulierte: »
Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler conditio sine qua non. Der Künstler ist Mensch, selber Natur und ein Stück Natur im Raume der Natur.«

Paul Klees berühmtes Diktum stellt den Menschen nicht über die Natur, sondern in die Natur und betont die notwendige Einheit.

Der bildende Künstler formuliert den Brückschlag zwischen äußerer Natur und innerer Schöpfungskraft. Er eifert der erfinderischen Natur nach, indem er selbst Variable und Möglichkeiten auslotet und so das „Gebiet des Möglichen“, um weitere Formsprachen erweitert und erforscht.

So wie sich die Natur manchmal Wege schafft, die die Vorstellungskraft des Menschen übersteigen, schafft der Künstler neue Formsprachen, die aus dem gängigen Muster des Artifiziellen heraus fallen.

Manche Betrachter scheinen dann mit den Ergebnissen dieser Kunstsprachen überfordert zu sein und suchen einen rettenden Anker: Petra Naumanns Erfahrung trifft sich in dieser Hinsicht mit der meinigen. Manche Betrachter interessieren sich beim Betrachten eines Werkes mehr für das technische Verstehen als für die Aussage und Wirkung des Werkes auf sie selbst.
Eine lapidare Frage lautet dann: „
Wie ist das gemacht?“ „Wie haben Sie das denn auf diese Weise umgesetzt?“

Wenn es manchmal „nur“ bei diesen Fragen bleibt, kann das ernüchternd wirken.
 

V. Ausgestellte Werkgruppen

Petra Naumanns Wandarbeiten, die hier als Mischtechnik der verwendeten Materialien „Pappe und Gips“ zu betrachten sind, fallen zunächst durch die Reduktion ihrer Elemente auf.
Die eigentümliche Verformung von Pappröhren durch Feuchtigkeit, Druck und Temperatur, brachte ein breites Arsenal an Möglichkeiten hervor, das sich Petra Naumann zu nutze machte, um neue Artikulationen für ihre nun wachsende Objektfamilie zu finden.
Die wie an eine mittelalterliche Maßwerkform erinnernden, aufblühenden Formen, die uns aus dem Steinmetzvokabular bekannt sind, gaben den ersten Objekten ihren Namen. Eigentlich ist die Bezeichnung >Maßwerk< irreführend, denn ein Charakteristikum des „Maßwerks“ ist die strenge geometrische Form, eine Ausgewogenheit in Proportion, Oberflächendichte, Zentriertheit und harmonischem Gerüst.

Petra Naumann stellt den naturnahen Vorgang des Wirkens von Kräften und Gegenkräften vor. Pappverbund/Textur, Leim und Flüssigkeit. Sie dekliniert die möglichen formalen Lösungen, indem sie uns Ergebnisse ihres Durchforschens zeigt. Durch Bemalung der Maßwerke entmaterialisierte und abstrahierte sie diese.

Bei den Papp-Gipsarbeiten gewinnt der Dialog zwischen eingeschlossenem Körper und umfangenerer Materie an Bedeutung. An der Oberfläche zeigt der Pappkörper nur noch die Anmutung einer Masse. Seine Tendenz ist die des „Sichverflüchtigens“, und zwar hin zur Zeichnung, zur Parallellinie und zur eingeschlossenen Figur.

In der Fortentwicklung, auch werkstattgeschichtlich gesehen, zeigt Petra Naumann die Fortführung dieser Wandarbeiten bei der der schützende, glatte Mantel der Gipsblöcke aufbricht und so schroffe, schrundige und krude Oberflächen zu einer weiteren Formsprache hinzunimmt.

Gegenüber den beinahe lupenrein gegossenen Gipsformen sprechen die schroffen, aufbrechenden Gipsformationen eine deutlich aggressivere Sprache, deren Wirkung der Betrachter nun Stück für Stück nachempfinden kann.

Astwerk

Die aus Naturbegegnung, gestischem Zeichnen und Materialexperiment hervor gegangenen Objekte mit dem Titel „Astwerk“, zeigen Formverwandtschaft und individuelle Gestalt zugleich.
So wie jeder Baum verschiedene Äste und Zweige bildet, ist hier jedes Objekt einzig und als Linienverbund eine Insel auf der Trägerwand.
Silhouettenhaft wird das Motiv der Baumverästelung in die Fläche gedrängt und neu gewichtet.
Als Rauminstallation gewinnen die „Astwerk-Inseln“ eine raumgreifende Kraft, die im Innenraum - Schwarz auf Weiß - eine Faszination ganz eigener Natur entfalten.

Plexiglas – Zeichnung – Fotografie

Die Mischtechnik-Serien mit der Kombination aus Zeichnung, Fotografie und Plexiglas, setzt Petra Naumann als Inszenierung in besonders vielschichtiger Form ein. Es ist ein Spiel mit Nähe und Ferne, mit dem Pflanzlichen als Gattung und Symbol, mit der Zeichnung als Reproduktion und individueller Betrachtung.

Die wechselweise entstehende Verweisungszusammenhang all dieser Komponenten sind allerdings zu komplex, um hier eingehend erläutert werden zu können. (Die „Rose“ als globales bedeutungsgeladenes Symbol in der Natur, und aller Kulturen.)

In einem Prinzip bleibt sich aber Petra Naumann auch hier treu:
Sie experimentiert auch hier mit der Vielfalt der vorhandenen Komponenten und wählt durch sensibles Agieren emotionsbetonte Werke zutage, die nicht nur unser Kunst-
erleben, sondern unser Sehen und unser Erleben insgesamt bereichern.

Für die Kraft, uns in neue Räume zu versetzen, uns in neue Geschehnisse einzubinden, sei Petra Naumann herzlich gedankt.
Vor allen Dingen aber danke ich Ihnen, sehr verehrtes Publikum für Ihr Interesse und ihre Neugier auf die hier ausgestellten Werke zuzugehen.

Ich beglückwünsche den Kunstverein Zirndorf zu dieser Ausstellung!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und interessante Gespräche.
 

G. v. Matuschka
Oktober 2008

© für den Text, es gilt das gesprochene Wort.

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